Umstrittene Kombination: Enke und der Karneval
Von Jan Siegel
Darf man einen Beitrag zum Freitod von Nationaltorhüter Robert Enke und ein Foto von lustigen, lausitzer Narren nebeneinander auf die Titelseite der RUNDSCHAU stellen? Diese Frage wurde uns heute schon öfter gestellt. Und es ist durchaus eine sehr berechtigte Frage. Denn eine Zeitungs-Redaktion ist kein Haufen herzloser Gesellen. Wir wollen das Leben auch mit seinen Schattenseiten abbilden, aber eben auch das Leben.
Tatsächlich haben wir vor der Entscheidung über Enke neben Karneval am Mittwoch das Thema am Führungstisch der Redaktion heftig diskutiert und auch bei uns gehen die Meinungen dazu ziemlich weit auseinander. Da gibt es den Kollegen Jan Gloßmann, der unsere Spreewaldredaktionen leitet: Er hält die Entscheidung für “suboptimal” nicht so günstig. Er ist sich sicher, dass das Foto der schockierten und trauernden Witwe Enke viel emotionaler und vor allem angemessener gewesen wäre als fröhliche Narren. Das närrische Treiben haben wir ja ohnehin heute in fast allen Lokalteilen der RUNDSCHAU.
Ein Kollege, der mich ausdrücklich gebeten hat, seinen Namen in diesem Zusammenhang hier nicht zu nennen (ja, auch das gibt es unter uns Journalisten), geht noch weiter und ist gar der Meinung, es war “instinktlos”, wie wir heute auf der Titelseite mit der Kombination der Themen umgegangen sind. Er sagt: “Klar hätte man Karneval auch auf der Seite 1 haben können, aber nicht unmittelbar neben der Aufmachung und in gleicher Größe”, argumentiert der “namenlose” Kritiker.
Wer die Meinung von anderen einfordert, der muss auch selbst seine Meinung sagen: Ja, ich halte die umstrittene Kombination der Themen auf der Titelseite für machbar und deshalb habe ich am Mittwochabend auch dafür plädiert. Wir berichten fast täglich in der Zeitung über tragische und tieftraurige Ereignisse, über Tod und Zerstörung in der Welt, aber eben auch über die schönen, fröhlichen und lustigen Seiten des Lebens. Der Tod von Robert Enke und vor allem auch die Hintergründe dazu haben uns schockiert. Die Geschehnisse waren uns so wichtig, dass wir auf mehreren Seiten unter unterschiedlichen Aspekten darüber berichten. Aber Tausende Lausitzer haben am Mittwoch auch den 11.11. gefeiert. Ein Ereignis, das in der Region Tausende auf die Beine bringt, gehört auch gut sichtbar in die Regionalzeitung.
Ähnlich sehen das auch die Kollegen Bernd Töpfer (verantwortlich für die Berichterstattung aus dem Raum Senftenberg) und Thoralf Schirmer (Leiter der Redaktion Weißwasser): “Fast in jedem Jahr fällt der Volkstrauertag mit den Auftaktveranstaltungen der regionalen Karnevalsvereine zusammen. Da haben wir keine Skrupel.”
Wie immer, wenn alle Argumente irgendwie “richtig” und nachvollziehbar sind, muss einer die Entscheidung treffen. Schließlich ist Zeitungmachen kein basisdemokratischer Prozess (wenn das auch manchmal so aussieht
). In diesem Fall hat Dieter Schulz, der Chefredakteur, entschieden.
Aber so richtig glücklich wirkte der Chef in der gerade zu Ende gegangenen Redaktionskonferenz mit seiner Entscheidung jetzt auch wieder nicht mehr. Zitat Dieter Schulz: “Heute würde ich’s wahrscheinlich anders machen…”
Und so werden bei uns auch noch andere Fragen zum Thema diskutiert: Nutzen die Medien den Fall nicht nur, um Auflage oder Einschaltquoten zu machen? War der Auftritt von Frau Enke ein Stück einer Befreiung von einer emotionalen Last, weil sie das Depressions-Geheimnis ihres Mannes jahrelang bewahrt hat, oder war es eine fragwürdige Medienschow?
Wenn Sie Lust haben, würde ich mich freuen, wenn Sie hier im Blog Ihre Meinung zum Thema sagen. Auch wir Journalisten sind lernfähig, glauben Sie’ s ruhig

In diesem Blog schreiben die Macher der LAUSITZER RUNDSCHAU, wie täglich Nachrichten entstehen. Sie geben Einblicke in den ganz normalen Wahnsinn des Alltags in einer wahrscheinlich mehr oder weniger ganz normalen Zeitungs-Redaktion. Wer sich für die “Nachrichten hinter den Nachrichten” interessiert, wird künftig hier sicher viele Neuigkeiten als Erster erfahren. Die Autoren verraten, was schiefgegangen ist, welche spannenden Geschichten die Reporter gerade recherchieren und was Kurioses in der Welt der Nachrichten geschieht. Der Blattmacher-Blog ist ein subjektives Meinungsportal. Hier stehen die Einschätzungen des jeweiligen Autors und nicht die abgestimmten Meinungen der gesamten Redaktion.
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